©Frank Siemers
22. Februar 2021

„Ich entwickle über Nacht circa 15 bis 20 Ideen.“

Als erster freier Illustrator entwarf Lennart Gäbel drei Cover in Folge für das Wochenmagazin DER SPIEGEL. Seine bekannteste Illustration wurde zum Symbol der Anti-Trump-Bewegung. Für den ADC zeichnete er das Icon für den Podcast „Nägel und Köpfe“ – und ist seit diesem Monat selbst Mitglied im Club! Viele gute Gründe, mit ihm über seine Arbeit, Kreativsein unter Druck und Kunst im „Altpapier“ zu sprechen.

Lennart, du bist der Künstler hinter der unglaublich erfolgreichen Illustration „They Let You Do It“, die im Vorlauf der US-Wahlen 2016 viral ging: Zu sehen war Donald Trump, wie er der Freiheitsstatue in den Schritt greift. Welche Bedeutung hat diese Illustration für deine Karriere?

They Let You Do It“ ist schon eine besondere Illustration. Weil es eine freie Arbeit war, die durch viele Zufälle von immer mehr Medien aufgegriffen und so um die ganze Welt getragen wurde. Aber insbesondere, weil sich so unglaublich viele Leute mit der Aussage identifizieren konnten, und sogar mit dieser Illustration demonstrieren gingen.

Dazu gibt es eine interessante Vorgeschichte: Während meiner Studienzeit 2011 in New York, begann nicht weit von meiner Wohnung die Occupy Wallstreet-Bewegung. Ich hatte große Sympathien für die Menschen, die im Zuccotti Park kampierten, fand es aber unangebracht, mich als Austauschstudent dort aktiv einzubringen. Im Gespräch mit meinen damaligen Dozenten meinte er, wir Illustratoren hätten die Macht der Bilder“ und er hat mich daraufhin in die Geschichte der politischen Illustration eingeführt. Seitdem war es mein Ziel, einmal im Leben ein prägendes politisches Werk zu schaffen. Dass das schon fünf Jahre später genau am gleichen Ort eintreffen sollte, hätte ich nie gedacht.

Zudem hat der Erfolg der Illustration viele Türen geöffnet und ich kam in Kontakt mit vielen Art Direktoren. Ich habe eine limitierte Auflage von 100 Stück herausgegeben, die Nummer 1 hat das Wilhelm Busch Museum gekauft und die 33 hängt bei Altkanzler Gerhard Schröder im Büro.

Zu den Anfängen deiner Karriere: 2009 hast du an der Academie Minerva in den Niederlanden dein Studium begonnen. Hättest du damals erwartet, dass deine Arbeit mal so politisch sein würde?

Nicht zwingend. Ich bin zwar in einem politischen Haushalt aufgewachsen, aber als ich mein Studium begonnen habe, war mein Schwerpunkt noch Grafikdesign. Erst im Laufe des ersten Studienjahres ist mir bewusst geworden, dass Illustration meine künstlerische Ausdrucksform ist. Und erst in New York habe ich gemerkt, dass ich verstärkt politisch illustrieren möchte.

SPIEGEL-Cover sind immer etwas Besonderes da braucht man keine extra Motivationsspritze.

Du bist der erste freiberufliche Illustrator, dem es bisher gelang, drei Mal in Folge Arbeiten auf dem Cover des SPIEGEL zu platzieren – Glückwunsch! Die Magie eines guten Covers liegt –, das hast du in verschiedenen Interviews bereits erklärt – vor allem in einer tragenden Idee. Wie kommt man vom Briefing zur zündenden Idee des Titels?

Ich kann glücklicherweise auf Knopfdruck kreativ sein und viele Ideen in kurzer Zeit erstellen. Dazu muss man nicht geboren sein, das lässt sich trainieren. Für Domestika drehe ich gerade eine Art Masterclass genau zu dem Thema: Wie man auf gute Ideen kommt. 

Zudem sind SPIEGEL-Cover immer etwas Besonderes – da braucht man keine extra Motivationsspritze. Für einen redaktionellen Illustrator gibt es nichts Größeres in Deutschland, wahrscheinlich sogar in Europa, als den SPIEGEL-Titel zu illustrieren. Da die Anfrage häufig erst am späteren Abend kommt, entwickele ich über Nacht circa 15 bis 20 Ideen, die ich anskizziere und der Art Direktion zusende. 

Um das richtig zu verstehen: Jede Wochenzeitung braucht wöchentlich – das liegt in ihrer Natur – ein neues Cover. Kann man sich deinen Job also gewissermaßen als einen Wettbewerb vorstellen, bei dem du wieder und wieder neu einreichst und hoffst, das große Los zu ziehen?

Nein. Ich werde angefragt, ob ich Zeit und Lust habe, zu einem bestimmten Thema Ideen zu entwickeln und ein Cover zu zeichnen. Es kommt zwar auch vor, dass ich mal eine spezielle Idee habe und diese dann einem Art Direktor vorschlage, aber meistens werde ich kontaktiert. DER SPIEGEL und der Stern sind hierbei tatsächlich Sonderfälle. Hier kann man es schon als eine Art Wettbewerb sehen. Denn auch wenn sie mich angefragt haben und ich ein Cover fertig illustriert habe, konkurriert meine Version immer mit weiteren Cover-Varianten, was neben anderen Illustrationen auch Fotografien, In-House-Collagen etc. sein können –  sogar mit anderen Themen. Es kann also sein, dass sich die Chefredaktion erst kurz vor Druckschluss für ein komplett anderes Thema entscheidet. 

Seit Januar 2021 habe ich begonnen, Ideen für den New Yorker zu pitchen. Da ist es so wie beschrieben – die besten Künstler der Welt schicken wöchentlich ihre Illustrationen ein und nur eine macht das Rennen.

Über 50 Prozent der Cover für den SPIEGEL stammen aus der Feder amerikanischer Illustrator*innen. Wie bereits erzählt, hast du an der School of Visual Arts in New York studiert: Was macht amerikanische Illustrationen deiner Einschätzung nach so unglaublich cover-sicher?

Ein Art Direktor könnte die Frage sicherlich besser beantworten. Ich vermute, es liegt an mehreren Elementen. Zum einen ist unsere Nachrichtenlandschaft extrem durch die Geschehnisse in den USA geprägt. Also ist es logisch, dass Illustratoren angefragt werden, die sich auch mit der Materie auskennen. Zum anderen haben diese Künstler häufig zuvor schon ein TIME-Cover oder New Yorker-Cover gezeichnet und eine gewisse Strahlkraft, die man dann gerne nach Europa importiert. 

Aber unser Faible für die amerikanische Kultur ist ja nicht nur auf die Illustration beschränkt. In der Musik führen US-Künstler ja auch fast immer die Deutschen Jahrescharts an. 

©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel
©Lennart Gäbel

Dein Markenzeichen: Prägnante Illustrationen zu den drängenden politischen Herausforderungen unserer Zeit, die den Nagel auf den Kopf treffen. Damit machst du dir sicher nicht nur Freunde. Ist das schon mal problematisch geworden; welche Gegenreaktionen hast du erlebt?

Glücklicherweise habe ich noch nie Hassmails oder Morddrohungen bekommen. Als ich mal eine Erdogan-kritische Illustration gezeichnet habe, gab es ein paar Nachrichten, die aber rückblickend ziemlich harmlos waren. Aber in die Türkei sollte ich trotzdem lieber nicht mehr reisen.

Deine Kreativität ist eine Leihgabe an diverse Zeitungen und deren Agenden. Wie wichtig ist es für dich, dass du dich mit der politischen Message identifizieren kannst?

Sehr wichtig. Wenn ich, sagen wir mal, eine Illustration zu Frontex erstellen soll, die aber nicht extrem kritisch sein darf, lehne ich dankend ab. Vor Kurzem wurde ich angefragt, den Dreikampf um den CDU-Vorsitz zu illustrieren. Ich hatte keine Zeit, was mir auch etwas entgegen kam, denn ich kann mich für keinen der Herren begeistern.

Hast du mit einer Illustration schon mal richtig Mist gebaut?

Ich hatte mal während einer sehr knappen Deadline von wenigen Stunden eine so komplexe und kleinteilige Illustration gezeichnet, dass die Datei tausende Ebenen hatte und der Rechner in die Knie gegangen ist. Dann musste ich unter extremem Zeitdruck eine andere Idee ausarbeiten, die weniger komplex war. Es ist am Ende gut gegangen, aber die Stunden waren nicht schön.

Deine gelungenste Illustration?

Meistens bin ich überkritisch meinen eigenen Arbeiten gegenüber und sehe hauptsächlich die Fehler. Aber mein SPIEGEL-Titel „Endzeit“ finde ich nach wie vor sehr gut. Sie beinhaltet all das, was für mich eine erfolgreiche Illustration ausmacht. Sie reicht quasi nur die Puzzlestücke, die im Kopf des Leser zusammengesetzt werden. Sie kombiniert verschiedene visuelle Symbole – in diesem Fall die Merkel-Raute und die Sanduhr – auf eine neue Art und Weise, und ist dennoch dabei sofort zu verstehen, was sehr wichtig für einen Titel ist. Die Zeile „Endzeit“ hätte es theoretisch nicht einmal gebraucht.

Meistens bin ich überkritisch meinen eigenen Arbeiten gegenüber .

Aus einem Stapel von knapp 40 Ideen wusste ich, dass diese besonders viel Potenzial hat. Die Art Direktorin Katja Kollmann und ich haben uns sehr für diese Idee eingesetzt und letztendlich alle überzeugen können. Außerdem hat sie eine ADC-Auszeichnung gewonnen und ist zu Deutschlands Cover des Jahres 2018 gekürt worden.

Mit „Make your accomplishments seem effortless“ aus der Serie „The 48 Laws of Power“ bringst du rüber, was jeder Kreative nur allzu gut kennt: Nämlich den Versuch, harte Arbeit möglichst leichtfüßig daherkommen zu lassen. Ist das auch ein wichtiger Teil deines eigenen Erfolgsrezeptes?

Alles fällt leichter, wenn es Spaß macht. Natürlich gibt es auch mal sehr stressige Tage oder Nächte, in denen es nicht leicht von der Hand geht. Und dennoch würde ich im warmen Atelier sitzen und bunte Bilder malen nicht als „harte Arbeit“ bezeichnen.

Und zum Schluss eine etwas provokante Frage: Zeitungen sind vergängliche Produkte, deine Illustrationen darin geschaffen für den Moment. Was bleibt von deinen Bildarbeiten nach dem großen Auftritt im Blatt? Ist das Kunst – oder kann das weg?

In meiner Zeit in Amsterdam hatte ich einen Studiokollegen dem es sehr wichtig war, dass seine Kunst zeitlos ist. Ich dagegen liebe es, hochaktuelle Themen anzugehen und nehme es gerne in Kauf, dass sie übermorgen Altpapier sind. Wenn man rückblickend auf meine Bilder schaut, wird man erkennen, welche Themen uns in diesen Zeiten bewegen. Das finde ich auch sehr reizvoll. Meine größte Inspirationsquelle waren schon immer die Nachrichten. Das Schöne daran ist: Sie hören nie auf.

Lennart Gäbels Illustration für unseren Podcast „Nägel und Köpfe“ findet ihr auf unserer Podcast-Seite. Mehr seiner Arbeiten sind u.a. auf seinem Instagram Account zu sehen.

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