©flora&faunavisions
10. Juni 2020

„Meine Idee ist es, eine visuelle Interpretation der Opern für die moderne Welt zu kreieren.“

Leigh Sachwitz hat eine Vision: das Bühnenbild der Zukunft. Mit ihrem Design Studio flora&faunavisions arbeitet sie daran. Mit beeindruckendem Ergebnis. Im ADC Interview spricht sie über ihre Leidenschaft für Räume und warum Corona eine Zeitenwende für die Kreativität bedeutet.

Leigh, du in 3 Worten?

Impulsiv, passioniert und direkt.

Du bist Visual Designerin und Creative Director bei flora&faunavisions. Wann wusstest du: Genau das will ich machen?

Ich wusste das nie. Ich habe mir das nicht ausgedacht, das ist einfach so passiert. Ich habe keine Strategie dafür entwickelt, dass ich zur Creative Director von flora&faunavisions werde. Ich wusste, dass ich kreativ mit Räumen arbeiten möchte und das schon mit 19, aber ich konnte das damals noch nicht genau erfassen. Ich habe dann eine Ausbildung zur Architektin gemacht; das hat sich aus diesem Gefühl ergeben und richtig angefühlt.

Die Arbeit von flora&faunavisions für diverse Bühnen dieser Welt sind atemberaubend und inspirierend – nicht nur für die Besucher. Wie sieht dein Schaffensprozess aus? Wo fängst du an?

Ich fange eigentlich immer an, sobald ich spüre, dass sich die Haare auf meinem Arm aufstellen. Wenn ich das nicht spüre, dann ist der Schaffensprozess sehr zäh. Ich habe dann Adrenalin in mir, eine Art kreatives Adrenalin und wenn ich das spüre,  komme ich, egal wo ich bin, in den Flow. Und dann geht es los, und am Ende wenn ich einen Punkt dran gemacht habe, merke ich wie ich im Prozess einen Teil von mir mit in die Arbeit gegeben habe.

Du verantwortest das Bühnenbild für die diesjährigen Wagner Operas im The Ring Cycle für Opera Australia. Das sind 15 Stunden Oper in 4 Stücken. Kannst du uns von deinen Ideen zu dieser Digital Kinetic Stage erzählen?

Meine Idee ist es, eine visuelle Interpretation der Opern für die moderne Welt zu kreieren. Das ist ein riesiges Ziel, das wir uns gesetzt haben und das ist epic, das wird super-epic.

Dieses Stück von Wagner ist so wichtig seit vielen Jahren, und so viele verschiedene Menschen, Regisseure und Designer haben daran gearbeitet, aber bisher gab es noch nie eine Aufführung, bei der man mit einer digitalen kinetischen Bühne gearbeitet hat. Die Szenographie ergibt sich jetzt aus dem digitalen Bild, und als visuelle Designerin empfinde ich das als einen großen Schritt von dem, was vorher passiert ist. Die Idee ist es, viele verschiedene Layer zu entwickeln. Dieses Konzept lässt sich perfekt im Digitalen umsetzen, weil sehr gut mit Transformation gearbeitet werden kann. Die Bilder sind ja nicht mehr physisch und existieren nur für eine bestimmte Zeit. Das können 1sec, 10sec, 20sec oder eine Stunde sein, aber es ist begrenzt, und so besteht die Möglichkeit, sehr extreme Transformation stattfinden zu lassen. Und die Veränderung der digitalen Bilder trifft auf die veränderbare Bühne, mit kinetischen Panels – und das ist eine riesige Chance, mit total vielen Ebenen zu spielen.

Die Szenographie ergibt sich aus dem digitalen Bild.

Dieses Stück von Wagner ist der Oberwahnsinn. Ich kann gar nicht erklären, wie sehr es mich inzwischen berührt. Diese komplexe Familien-Tribal-Saga, die in über dreißig Jahren geschrieben worden ist, jetzt auf eine digitale Bühne zu bringen, mit der Möglichkeit, soviel Wechsel und so viele Facetten  zu zeigen. Das ging vorher nicht, da physische Bühnenbilder gebaut wurden. George Lukas hat eine digitale Inszenierung begonnen. Vielleicht hätte er das geschafft, aber er hat damit aufgehört, er hat seine Wagner Oper nicht zu Ende gebracht. Das ist unsere Idee und unser Wunsch für diese zeitgenössische Aufführung von Wagners Ring.

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Hast du auch Kreativ-Flauten? Was hilft dir, wieder eine gute Idee zu catchen?

Ja klar, natürlich! Ich muss aus dem Tagesgeschäft rausgehen, wenn ich blockiert bin. Ich muss dann an die frische Luft, ich muss in den Garten. Oder ich gehe in die Sauna, mache Sport, ich mache irgendwas anderes als das, was ich in dem Moment gemacht habe. Und dann setz ich mich wieder ran und schaue, wie es weiter geht.

Deine Agentur flora&faunavisions ist nicht nur ein Studio für Design, sondern – wie du es sagst – ein Organismus. Kannst du das näher erklären?

flora&faunavisions ist ein Design Studio, das über eine ganz lange Zeit entstanden ist. Ich habe 1999 angefangen unter diesem Namen zu arbeiten. Dieser Organismus ist ein wachsender Prozess aus verschiedenen Menschen und das Studio ist eine Gesamtwerk von all diesen Leuten und die Art, wie sie zusammenkommen und der Vibe, und die Synergie, und die Chemie zwischen diesen kreativen Köpfen. Deswegen sage ich immer, dass es ein Organismus ist und dass es in einem kreativen Studio nie Stillstand geben darf, weil wir dann unflexibel werden.

Wenn das passiert, dann glaube ich ziemlich fest daran, dass wir als Studio nicht mehr erfolgreich sein können. Ein Organismus ist für mich auch immer etwas, das wächst und was die Möglichkeit hat, links oder rechts oder geradeaus zu gehen. Es wachsen konstant neue Äste, es bilden sich neue Verzweigungen und so sehe ich das auch bei uns. Dieser Grundsatz ist tief in mir verankert und kommt aus meiner Kindheit, wo die Dinge nie so wirklich strikt waren. Ich war schon früh daran gewöhnt, sehr flexibel zu denken. Mein Papa hatte, bis ich 16 Jahre alt war, 17 verschiedene Jobs, es war immer irgendwie in Bewegung, und so sehe ich auch das Studio, dass ich gegründet habe und das ich führe.

Ein Konzert zu visualisieren ist wie…?

Toastbrot mit Avocado essen.

The Roaring Twenties: Werden es auch den 20ern des 21. Jahrhunderts Künstler und Kreative sein, die es prägen? Gibt es Trends, die du für die kommenden Jahre siehst?

Das ist eine geile Frage, weil das genau da trifft, wo es am meisten weh tut. Ich sehe den Trend – und das bewegt mich jetzt total und ich spüre das Adrenalin absolut – in der Möglichkeit, den kreativen Raum oder den Raum, in dem wir uns vor Corona bewegt haben, jetzt neu zu gestalten. Ich finde, dass die vorherigen Trends gar nicht mehr existieren. Alles was zu Beginn von 2020 passiert ist, war nur noch im ersten Quartal aktuell. Das ist jetzt vom Tisch und die Arbeiten, auf die man hingearbeitet hat, sind es in meiner Wahrnehmung auch erst einmal.

Vorherige Trends existieren nicht mehr; die Ästhetik der letzten fünf Jahre ist nicht mehr relevant.

Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass die letzten fünf Jahre mit ihrer Ästhetik gar nicht mehr relevant sind. Ich finde, um eine bedeutende Rolle im 21. Jahrhundert einzunehmen, also deinen Fingerabdruck zu hinterlassen, musst du einen Weg finden, den kreativen Raum, der vorher vollgestopft war, mit neuen Ideen zu füllen. Diese Verantwortung sollte man sich als Kreativer jetzt auf die Schulter packen. Wenn man optimistisch denkt, dann kann man damit die Welt neu gestalten und prägen. Keiner hat das bis jetzt gemacht. Das ist eine große Chance und das ist geil!

Welches sind die Diskurse, die Kreative heute – passiv oder aktiv – prägen, welches sind Impulse, die als Inspiration oder Antriebwirken?

Ich finde es wichtig zu zeigen, dass man kreativ wirklich out of the box denken kann. Viele haben schon gesagt, sie denken out of the box oder experimental oder whatever, aber total viele haben es dann nicht gemacht. Ich finde, dass man aktiv tiefere und wirkliche Inhalte kreieren muss. Passiv sein ist inszwischen irrelevant und ich halte eh nie viel davon, passiv zu sein, weil ich denke: von nix kommt nix. Ich habe über die Zeit gelernt, hart zu arbeiten und wirklich zu kämpfen, und da bekommt man am Ende oft ganz viel raus. Das ist im Moment mein Impuls, wirklich aktiv zu werden, und ich sehe die Welt, die kreative Welt, im Moment als eine Carte Blanche.

Ich sehe die Welt, die kreative Welt, im Moment als eine Carte Blanche.

Ich sehe das auch bei der Arbeit an der Oper, dass wir Dinge machen, die wir vorher nicht gemacht hätten. Das kommt daher, dass wir jetzt einen historischen Moment erleben. In diesem Moment Wagner zu gestalten ist der Oberwahnsinn. Diese Möglichkeit zu haben, das kreativ zu verarbeiten, finde ich unfassbar toll und das inspiriert mich wirklich.

Das ADC Festival Motto 2020 lautete „The Power of No –For a new Diversity of Thinking” – wozu sagst du nein?

Ich sage nein zu selbstverständlichen Sachen; ich sage nein zu Nazis, ich sage nein zu Grenzen oder Nationalismus. Ich finde, wir müssen total darauf aufpassen, dass Europa nicht auseinander fällt, dass wir keine Mauern mehr bauen und ich finde diversity total wichtig – auch diversity of thinking. Ich finde total interessant, dass das Motto vom ADC Festival letztes Jahr entstanden ist, ohne diesen historischen Moment von Covid 19 vorhersehen zu können. Dieses Motto bekommt durch die aktuelle Situation nochmal eine ganz andere Bedeutung. „The Power of No- For a new Diversity o thinking“ ist ein starkes Motto, das bleibt.

 

Mehr Infos zu den Projekten von Leigh Sachwitz hier.

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