Julian Weiss ©headraft
20. Februar 2020

The Roaring Twenties Reloaded ?  

Julian Weiss, Mit-Gründer und Geschäftsführer der Agentur headraft, stellt sich unseren Fragen zum neuen Jahrzehnt. Warum wir dazu die Rookie Agentur 2019 interviewen? Headraft verbindet Kreativität mit innovativen Produkten, Dienstleistungen und den neusten immersiven Technologien und gehört damit zu den spannendsten Agenturen der Zukunft. Sie haben das erste wirkliche AR Musikvideo der Welt produziert und testen neue Technologien stets als erste auf ihre Chancen und ihren Einsatz in der Kreation.

Die 20er des letzten Jahrhunderts waren ein Jahrzehnt der kreativen Explosion, u. a. ausgelöst durch die völlig neuen Massenmedien Kino und Hörfunk. Werden wir vor dem Hintergrund der digitalen Plattformen eine vergleichbare Entwicklung für die Kreativität erleben?

Das ist bereits in vollem Gange. Stärker sogar. Inhalte in Kino und Hörfunk wurden früher von einem sehr elitären Kreis bestimmt. Heute bieten unzählige kostenlose Tools und Plattformen eine Demokratisierung der kreativen Ausdrucksweise. Jeder ist „Creator” und kann die ganze Welt erreichen. An Filtern und Lenses von z.B. Instagram oder Snapchat sieht man, wie sich eine Entwicklung in unglaublich kurzer Zeit in der Masse durchsetzen kann. Weltweit. Man merkt ja schon jetzt, wie große klassische Kanäle, wie TV oder TZ, ganz selbstverständlich Plattformen einbinden. Wenn die Tagesschau z.B. einen Tweet zitiert. Da sind wir gerade erst am Anfang der potentiellen Möglichkeiten.

Heute bietenTools und Plattformen eine Demokratisierung der kreativen Ausdrucksweise

Und was würde das für die Kreativbranche bedeuten?

Ohne solche Entwicklungen würde es uns zum Beispiel gar nicht geben. Neue Technologien schaffen auch neue kreative Möglichkeiten. Daher braucht es ständig neue, immer spezialisierte Dienstleister, Experten und Teams. Das alte Full-Service Denken kann sich heute keiner mehr leisten. Wenn man in einem Bereich wirklich herausragen möchte, braucht man die besten Experten für die unzähligen Geräte, Medien und Anwendungen – und die sind entsprechend spezialisiert und selten zu haben. Die weltweit zu vernetzen und vernünftig einzusetzen – das ist die Herausforderung der neuen 20er. Das bedeutet natürlich auch mehr Vielfalt, Reibungen und Diskussionen – aber das hat guter Kreation noch nie geschadet.

 Mehr Vielfalt, Reibungen und Diskussionen – aber das hat guter Kreation noch nie geschadet.

Ist das Phänomen der Roaring Twenties auf die westlichen Gesellschaften bzw. Kulturen beschränkt gewesen, so bestimmen in der globalisierten und digitalisierten Welt auch Trends und Innovationen in den asiatischen Ländern und Staaten des Nahen Ostens die Entwicklungen. Worauf dürfen wir gespannt sein?

Auf Entwicklungen, die im westlichen Umfeld nicht so rapide entstehen würden. In unserem Kulturkreis sind wir oft zu skeptisch gegenüber Neuem und zu kritisch gegenüber allem, was noch nicht zu 100 Prozent funktioniert. Wir übersehen oft das Potential. Denn wer schnell vieles probiert, kommt auch schneller zu skalierbaren Ergebnissen. Beim Thema Experimentier- und Risikofreudigkeit haben wir die letzten 20 Jahre einfach nicht gut genutzt, sonst würden wir diesen Text hier nicht in einem amerikanischen Browser auf einem amerikanischen Computer lesen. Mit offenen Augen nach links und rechts zu schauen, sollte zum Ritual werden. Da sind wir in der Kreativbranche aber auf einem guten Weg.

Die neue Sachlichkeit in Kunst, Architektur und Literatur; die Welt so sichtbar machen, wie sie ist – das brachten die goldenen 20er in Deutschland. Heute sprechen wir von einer neuen Hysterisierung der Menschen; Verschwörungstheorien finden immer mehr Anklang. Was folgt daraus für Kommunikatoren, aber auch Designer und Künstler?

Technologie ermöglicht die Kommunikation auf unterschiedlichsten Levels, von großen Gruppen bis zum Individuum. Neue Technologie eröffnet ganz andere Wege im Umgang damit – aktuell zum Beispiel die Innovationen für effektives Fact-Checking. Frei von Vernunft oder außer Kontrolle ist Kommunikation also bei weitem nicht. In einer Wissensgesellschaft sollte das Validieren und Reflektieren von Informationen Goldstandard sein. Was nicht heißt, dass es keinen Spaß machen darf.

Welches sind die Diskurse, die Kreative heute – passiv oder aktiv – prägen, welches sind Impulse, die als Inspiration oder Antrieb wirken?

Der Umgang mit dem steigenden Individualismus wird ein großes Thema werden. Hier können Kreative die individuelle Identifikation stärken und unglaublich viele Menschen inspirieren. Die Experiences werden immer personalisierter und individueller. Hier liegen noch jede Menge ungenutzte Möglichkeiten. Die globalisierte und vor allem digitalisierte Welt hat einen solchen Reichtum an Erfahrungen, da geht der Stoff für neue Ideen nicht aus.

Der Umgang mit dem steigenden Individualismus wird ein großes Thema.

Geschichte manifestiert sich in (Erinnerungs-)Orten – allzu oft auch in Personen. Mit welchen Orten wird man das neue Jahrzehnt in der Zukunft assoziieren? Sind es anstelle des Admiralspalasts oder der Ballhäuser digitale Räume? Wird es ein neues Bauhaus geben?

Das Thema digitale Räume hängt auch von unserer Hardware ab. Augmented Reality und Virtual Reality Komponenten werden jedes Jahr kleiner, Controller werden durch natürliches Fingertracking oder Sprache ersetzt, alles wird so intuitiv, bis es ein normaler Part unseres Alltags ist. Viele AR Apps werden so selbstverständlich genutzt, dass niemand mehr darüber nachdenkt, dass die Technik dahinter vor wenigen Jahren noch unvorstellbar war. AR und VR haben in den letzten Jahren einen gigantischen Sprung gemacht. Das versuchen wir mit unserer Arbeit ja immer ein Stück weiter zu treiben. Ich glaube, dass reale Orte im Remix mit der digitalen Welt in gleichem Maße in die Erinnerung eingehen werden. An die ersten großen VR Erfahrungen erinnert sich zum Beispiel fast jeder, dass schafft bei unserem Overload auch nicht jedes Medium.

Reale Orte im Remix mit der digitalen Welt werden in die Erinnerung eingehen.

Welche City wird der Meltingpot der Ideen und der Kreativität? Welche Genies zeigen sich bereits jetzt am Horizont?

Wenn ich sowas voraussagen könnte, würde ich mehr Lotto spielen. Im Ernst – die Einflüsse auf die Kreativität sind längst global. Da gibt es nicht „den einen Ort”, sondern eher den einen Planeten. Spannend ist und bleibt die Anziehungskraft virtueller Räume. Für Digital Natives ist es in Zukunft noch weniger wichtig, wo jemand sitzt, solange das Internet schnell genug ist. In diesen virtuellen Räumen bewegen sich vermutlich sehr viele autodidaktische Talente, die Kreativität mit Technologie immer wieder anders interpretieren.

Und was können wir Kreativen tun, damit Innovation und exzellente Kommunikation auch weiter mit „Made in Germany“ verbunden wird?

Hand-in-Hand von Idee und Technologie ist ein Muss. Das was uns immer schon ausmacht: Viel Ausprobieren, optimistisch sein, besonders im Digitalen. Es geht jetzt darum Teams zu schnüren, die klein scheinen, aber durch ihr technologisches Wissen jeden großen Player hinter sich lassen und unglaublich kreativ sind. Teams, die schnell und iterativ kreative Kommunikation gestalten und einsetzen. Das hat sich nicht verändert: Wer die besten Teams an sich binden kann, gewinnt immer.

Hand-in-Hand von Idee und Technologie ist ein Muss.

 

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