Zum Inhalt springen
Design-ohne-Titel
4. August 2026
Nachruf
Ricardo Wolff

Ein Nachruf für unser Mitglied Ricardo Wolff

ADC Mitglied Heiko Freyland erinnert an einen Menschen, der die Welt mit Kreativität ein kleines bisschen besser machte.

Da ist sie wieder: die leere weiße Seite, die einen anstarrt und nach einer Idee oder Geschichte verlangt.
Ricardo hatte nie Angst vor ihr. Er hat sie geliebt.
Weil er immer einen genialen Einfall hatte, mit dem er Menschen bewegen konnte. Ganz gleich, um welche Herausforderung es auch ging.

Das erste Mal begegnete ich Ricardo vor 20 Jahren bei DDB in Düsseldorf. Damals sah er aus wie ein brasilianischer Backpacker. Mit fester Zahnspange.
Ernährt hat er sich fast ausschließlich aus einem großen Kaffeevollautomaten, der neben Kakao auch Tomatensuppe servierte.

Als ich das Leuchten in seinen Augen sah, während er über seine Arbeit sprach, wurde mir schnell klar, dass er seinen Weg gehen wird. Fasziniert von der kreativen Anziehungskraft der Agentur Jung von Matt war er aus São Paulo nach Hamburg gekommen, absolvierte dort ein Praktikum und besuchte die Miami Ad School.

Danach holten Amir Kassaei und Margit Scheller-Wegener ihn zu DDB Berlin. Dort gewann er im Team mit Gabriel Mattar und unter der Führung von Bert Peulecke und Stefan Schulte so viele Cannes Löwen für Volkswagen und IKEA, dass man damit einen ganzen Zoo hätte füllen können.

2010 zog ihn die Liebe für sein Heimatland wieder zurück nach Brasilien, wo Ricardo für sein großes Vorbild Marcello Serpa und AlmapBBDO auf Kunden wie Volkswagen, Audi und Getty Images sein außergewöhnliches Talent unter Beweis stellte.

Drei Jahre später stellte ich den Kontakt zu Wolfgang Schneider her, was zu einer CD-Position bei BBDO Berlin auf smart führte, bevor er zu DDB zurückkehrte, um mit Gabriel den internationalen Etat von Volkswagen zu übernehmen. Doch sein persönliches Meisterstück sollte erst noch folgen.

Innoceans Global CCO Jeremy Craigen gab den beiden Brasilianern die Chance, einen Creative Hub in Berlin für Europa aufzubauen. Ricardo machte daraus die Agentur, von der er schon immer geträumt hatte. Mit so wenig Hierarchie und Politik wie möglich. Geboren aus nur einem einzigen Grund: um allen die Chance zu geben, die besten Arbeiten ihres Lebens zu erschaffen.

In nur wenigen Jahren wurde der Berliner Standort zu einer der besten unabhängigen Agenturen der Welt. Mit wegweisenden Kampagnen für Kia und Hyundai sowie für die Charité Berlin. Kreativer Höhepunkt: ein Cannes Grand Prix for Good für die NGO Reporter ohne Grenzen – der bedeutendsten Auszeichnung für allgemeinnützige Arbeit, die zum ersten Mal in der Geschichte an eine deutsche Agentur vergeben wurde.

Wie er das geschafft hat? Ricardo hat sich nicht von Werbung inspirieren lassen. Er hat das Leben geliebt, es in sich aufgesaugt in all seinen Facetten. Auf Reisen um die ganze Welt. Mit einem schier unstillbaren Verlangen und empathischen Interesse an Menschen und ihren persönlichen Geschichten, an Kunst und Kultur. Deshalb haben sich seine Arbeiten nie wie Werbung angefühlt – was immer ein gutes Zeichen ist.

Ricardos Talent und Leidenschaft wurden nur noch von seiner Sanftmütigkeit, Bescheidenheit und seinem Humor übertroffen, mit denen er all unsere Herzen im Sturm eroberte. Am Anfang seiner Karriere fragte er mich oft um Rat.
Am Ende war es genau andersherum.

Und dann kam die Krankheit. Ausgerechnet auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Als er auch privat sein Glück gefunden hatte. Wir hofften beide, dass er es schafft. Bis zuletzt klang er zuversichtlich.
Nach einem Monat Krankenhaus schrieb ich ihm: „I guess you have a lot of time to think about life. Any new conclusions?“
Er antwortete: „ufff do you have 5hs to listen?“

Zu diesen fünf Stunden ist es leider nicht mehr gekommen. Wie gerne hätte ich einfach nur neben seinem Bett gesessen und ihm zugehört. Stattdessen bin ich dankbar für all die guten Gespräche und Momente, die ich mit Ricardo erleben durfte.

Würde er jetzt vor diesem weißen Blatt Papier sitzen, er würde sich bei uns bedanken. Für die Offenheit, mit der wir ihn aufgenommen haben. Für die Chancen, die wir ihm ermöglicht haben. Und die Freundschaften, die während seiner Reise entstanden sind.

Lasst uns alles dafür tun, dass wir als Land, Branche und Verein auch in Zukunft Menschen wie Ricardo mit offenen Armen empfangen und ihnen die Möglichkeit geben, ihr kreatives Potential zu entfalten.

Ich bin mir sicher, Ricardo würde sich freuen.