INFOGRAFIKEN

Jan Schwochow studierte Kommunikationsdesign an der HAW in Hamburg und ist seit 1993 mit Leib und Seele Informationsgrafiker. Vor drei Jahren erfüllte er sich einen großen Traum und gründete seine eigene Grafik-Agentur, die auf das Erstellen von Infografiken und Illustrationen spezialisiert ist. Zuvor war er Ressortleiter der Infografik der Magazine Stern und Max. Von 2004 bis 2006 baute er bei der Agentur KircherBurkhardt eine Infografik-Unit auf und leitete diese. Hier zeigt Jan seine letzten Arbeiten und beantwortet Fragen zum "schönsten Beruf der Welt".

Bei Infografiken denkt man nicht unbedingt als erstes an ausgefallene Kreation. Wie kamt ihr dazu, euch des Themas über eine kreative Seite zu nähern?

Die Kreativität ist in der Tat die sekundäre Herangehensweise an das Thema Infografiken, denn wir haben es hier meist mit sehr komplexen Sachverhalten zu tun, die wir einem Leser oder Betrachter zugänglich und verständlich machen müssen. Unsere Kunden kommen meistens mit einem bestimmten Thema zu uns, haben dann aber oft keine Vorstellung, wie man die Informationen anschaulich in einer Grafik umsetzen kann. Wir kümmern uns zusammen mit dem Kunden zunächst darum, alle möglichen Quellen heranzuziehen und ausgiebig zu recherchieren. Ist dieser erste wichtige Schritt getan, können wir uns überlegen, wie wir die Informationen anschaulich und kreativ in Szene setzen. Je nach Kunde, CI-Vorgaben und Aufgabenstellung können wir hier mutiger sein und auch mal ganz ungewöhnliche Wege einschlagen, wie wir es zuletzt beim Handelsblatt gemacht haben. Gelegentlich denken wir uns als Agentur selber Grafiken aus, die wir dem Markt anbieten,  z.B. auf unserer Verkaufsplattform http://www.phiii.com. Da ich mein Handwerk beim Magazin Stern gelernt habe, gibt es bei mir immer eine starke journalistische Komponente, die bekomme ich nicht mehr aus meinem Kopf. Ich möchte mit Grafiken eben auch spannende und anschauliche Geschichten erzählen. Das unterscheidet mich meist von meinen Mitstreitern. Da kommt es schon mal vor, dass ich mit meinen Kunden um gute Umsetzungen ringe und nicht so schnell aufgebe.

Wie weit sind Infografiken geeignet, komplexe Sachverhalte zu erklären? Bleibt man nicht immer an der Oberfläche? Funktionieren sie nur als Begleitung eines Textes?

Infografiken sind aus meiner Sicht das allerbeste journalistische und mediale Werkzeug, um komplexe Sachverhalte zu kommunizieren. Hinzu kommt, dass Infografiken im Gegensatz zum eindimensionalen Text mehrere Erzählstränge besitzen können. So können wir es manchmal sogar schaffen, dass eine kurze schnelle Information kommuniziert wird und zugleich der Betrachter die Möglichkeit bekommt, wenn er will, in derselben Grafik auch tiefer in die Materie einzusteigen. Infografiken sind so schön wertneutral, denn Sie beschreiben im optimalen Falle einen Sachverhalt, der für jeden "Leser" nachvollziehbar ist. Aufgrund von Daten und Informationen kann sich der Betrachter dann eine eigene Meinung bilden, was aber auch eine bestimmte Zeit benötigt. Die neue Grafik-Serie in der ZEIT, an der wir schon fünf Mal beteiligt waren, ist ein sehr schönes Beispiel dafür. In Zeiten der Informationsüberflutung sind gerade die Informationsgrafiken nicht nur im Internet ein geeignetes Medium. Bei den schnell zu konsumierenden Medien werden die Texte immer kürzer, schneller und flüchtiger. Da können gut gemachte Grafiken natürlich sehr hilfreich sein und einen Text gut ergänzen, zum Teil sogar ersetzen, was viele Autoren allerdings ungern hören.

Wie nähert man sich den Inhalten? Letztendlich muss man doch versuchen, möglichst viele Informationen in einem beschränkten Format unterzubringen. Auf was beschränkt man sich, was lässt man weg?

Hier ist der Kontext ganz entscheidend, denn es ist wichtig zu wissen, in welchem Umfeld man sich mit der Grafik befindet und wie groß die Abbildungsfläche ist. Erst dann kann ich eine Strategie entwickeln, welche und wie viel Informationen ich für meine Geschichte verwende. Ich darf den Leser nicht überfordern, aber eben auch nicht langweilen. Das Wort Infografik besteht zur Hälfte aus dem Wort Info. Und so ist es auch mit der Umsetzung einer Informationsgrafik. Die Hälfte der Zeit verbringen wir oft damit, allein die Daten zu recherchieren oder sie zu sortieren. Diese Arbeit wird oft stark unterschätzt!

Lässt sich jedes Thema kreativ oder besonders umsetzen? 

Das hängt ganz klar vom Mut eines Kunden ab. Aber ich kann mit großer Gewissheit sagen, dass sich wirklich jedes Thema sehr unterschiedlich und kreativ umsetzen lässt. Aber dazu benötigt man eben auch viel Zeit und mehrere Herangehensweisen, für die die Kunden meist nicht bereit sind, mehr zu zahlen.
In einer Welt, wo sich jeder Mensch mit ein bisschen Kenntnis und nur wenigen Klicks ganz passable Standardgrafiken erstellen kann (insbesondere Diagramme oder 3D-Grafiken), haben wir es oft sehr schwer. Da behauptet ein Kunde schon mal: "Das kann doch nicht so schwer sein, das kann mein Sohn auch".

Gibt es auch Infos, die nüchtern dargestellt besser zu erfassen sind? Bzw. schließt Sachlichkeit Kreativität aus?

Sachlichkeit und Kreativität schließt sich überhaupt nicht aus. Das zeigen beispielsweise die wunderbaren Infografiken der New York Times, die extrem sachlich, aber zugleich auch unglaublich kreativ sind. Sie haben es geschafft, mit der Information selbst kreativ umzugehen und eben nicht oder nicht nur mit gestalterischen Mitteln. Mit Sachlichkeit in Infografiken kann ich gewiss auch Seriosität unterstreichen, wozu ich bei politisch oder wirtschaftlichen Daten grundsätzlich raten würde, z.B. bei Geschäftsberichten.

Welche Trends gibt es? Interaktive Grafiken,
Apps o.ä.?

Der Trend geht ganz klar in Richtung interaktive und erlebbare Grafiken. Leider sind diese jedoch in der Produktion sehr aufwendig und man findet leider noch zu wenig Kunden, die den Vorteil dieser Technologie zu schätzen und zu nutzen wissen. Ich halte es für wahrscheinlich, dass man bei der Unternehmenskommunikation, also bei PR und Corporate Publishing, innovativer ist und dort schneller auf das neue Medienverhalten anspringen wird, als bei den klassischen Verlagen. In den Museen sieht das dann schon besser aus, denn seit vielen Jahren hat man dort sehr gute Erfahrungen mit interaktiven Infografiken gemacht, denn so erreicht man auch junge Menschen auf eine spielerische Art und Weise, wie diese es von Computerspielen gewohnt sind. Am Ende ist uns aber jedes Medium recht. Im Vordergrund steht für uns immer die Information, und diese können wir mit den unterschiedlichsten Stilmitteln und auf jedem Medium abbilden: ob in Print, Web, TV, mit Apps oder eben auf dem iPad. Auch wir sind bereits dabei, eigene Produkte für das iPad zu entwickeln und freuen uns sehr auf diese neue kreative Umgebung.

Vielen Dank!

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