NEUE GENFER ÜBERSETZUNG

Die freie Texterin und Artdirektorin Eva Jung hat aus einer aktuellen Übersetzung des Neuen Testaments einen »Gebrauchsgegenstand« gemacht. Die »Neue Genfer Übersetzung« wurde in Form des millionenfach bewährten Moleskin-Formats herausgebracht.

Werbung für Gott – geht das überhaupt?

In einer deutschen Grafik-Design-Zeitschrift* erschien vor einiger Zeit ein Bericht über Religion und Werbung. Dort werden Kirche und Unternehmen einfach auf eine Stufe und beide unter die Rubrik »Religionsvertreter« gestellt. Marken verkaufen nämlich schon längst nicht mehr bloß Produkte oder Dienstleistungen. Die Markenversprechen und das Image, das viele erfolgreiche Firmen um ihre Produkte kreieren, kommen inzwischen schon religiösen Bekenntnissen nah. Andererseits, so der Artikel, sei in den Augen vieler Werber die Kirche die Mutter aller Marken. Ihre Zielgruppe umfasst potenziell alle Erdenbürger, sie unterhält Millionen von Filialen – darunter Kathedralen und Dome, die jeden Flagship Store in den Schatten stellen – und ein dichtes Netz an Vertretern, die ihre Klientel zum Teil sehr persönlich kennen. Ihr Logo, das Kreuz, genießt einen Bekanntheitsgrad von nahezu hundert Prozent. Doch trotz aller Werteorientierung hat sie nach wie vor mit einem Verlust ihrer Marktanteile zu kämpfen. Das Fazit des Beitrags: »Noch keiner der »Religionsvertreter« hat den goldenen Weg gefunden – weder die Kirche noch die Unternehmen. Es gibt wohl noch einiges, was die Marken von den Kirchen und die Kirchen von den Marken in Ausübung ihrer »Religion« lernen können.« (*Page 12.2007 »iGod und PrayStation«, Ilona Koglin)

Ich mache jetzt schon seit vielen Jahren Werbung für große und kleine, namhafte und noch namhaft werden wollende Unternehmen. Und noch länger als in der Werbung, bin ich Gottes Sache auf der Spur. Ich finde, die Bibel ist eine super »Gebrauchsanleitung« fürs Leben – aber halt etwas dick und sperrig und oft genausowenig gern gelesen wie Gebrauchsanleitungen das meistens so widerfährt. Aber ich bin halt Werber. Und da muss man Sachen gut auf den Punkt bringen können. Ellenlange Kundenwünsche und -briefings auf ein 18/1 Plakat zusammenfassen. Und darum juckt es mich schon ganz lange, die Botschaft Gottes eben mal verkostbarer zu gestalten...

Für die NGÜ habe ich »nur« das Cover, neues Logo und Claim und die Werbung (Plakate, Postkarten, Buchzeichen, Website) gemacht. Für den Inhalt sind andere – nämlich einige Übersetzer und die Leute, die vor 2000 Jahren die Bibel geschrieben haben – zuständig ;)

Passt sich die Kommunikation für Gott oder Glauben an den Zeitgeist an? Wird sie jünger, bedient sie sich neuer Formen?

Auf der neuen Bibelausgabe steht als Claim: »Gott spricht. Heute.« Und der Claim meint, was er sagt. Glaube hat sich schon immer dem Zeitgeist angepasst. Schon Paulus sagt im Neuen Testament, dass er den Griechen ein Grieche wird und dem Juden ein Jude, damit sie alle in ihren Sprachen schnallen, was er meint. Also schon damals sehr zielgruppengerecht und zielgruppenorientiert. Und die Grundbedürfnisse und großen Fragen der Menschen ändern sich am Ende nie. Da hat der Zeitgeist nicht viel zu sagen. Die echten Fragen sind ja nicht: Brauche ich eine neue Toga (der Businesslook der alten Römer) – oder in heute: Brauche ich ein neues Prada-Kostüm? ... Die großen Fragen, die uns alle umtreiben, sind doch eher aus diesem Holz: Wo komme ich her? Wo gehen wir hin? Was soll das alles hier? Wie komme ich hier möglichst unbeschadet durch? Warum ist das alles so und nicht anders? Was spiele ich für eine Rolle? etc. pp.

Nicht jeder hat das große Latinum. Die Fragen bleiben gleich, aber die Antworten funktionieren heute nicht mehr auf lateinisch. Gott spricht. Heute. Das war schon bei den Römern so – und gilt bei uns auch. Zur Not plaudert Gott auch in platt, Slang oder was wir sonst so drauf haben :)

In wieweit sind kirchliche Auftraggeber offen für neue Kommunikationsformen? Sind sie nicht eher klassisch-konservativ veranlagt?

Da gibt’s solche und solche. Es tut sich viel. Und es gibt schon immer Leute in der Kirche, denen es am Herzen liegt, sich verständlich auszudrücken. Ich empfinde da eine große Offenheit. Aber auch eine große Unbeholfenheit. Und Angst gegenüber Marketing. Weil man denkt, das würde die Leute negativ beeinflussen. Würde immer nur die Lüge als Verkaufsargument nutzen. Und das wollen die Kirchen halt (verständlicherweise) nicht. Da gibt es echt Beratungsbedarf: dass Werbung, die lügt, auf kurz oder lang keine Chance hat. Dass kreative Werbung dagegen absolut klasse ist, weil sie überrascht, die Herzen öffnet und einfach mehr Spaß macht und ankommt. Die Sage, dass Werbung negative Manipulation ist, ist dort genauso weit verbreitet, wie die andere Sage unserer Gesellschaft, dass Gott sich nur in gotischen Gemäuern wohl fühlt, nicht gern feiert oder gegen jede Form von Freude und Ausgelassenheit – also sehr spaßbefreit – sei...

Die Bibel als »Gebrauchsgegenstand« – sieht das der Auftraggeber auch so? Oder war man nicht zunächst verstört, die Bibel in ein Moleskin-Format umzusetzen?

YES! Die waren begeistert. Die Genfer Bibelgesellschaft allerdings wusste bis zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass es Moleskine gibt und was das ist. In die »Kultur« musste ich sie erst mal einführen. Viele Christen benutzen die Bibel schon als Gebrauchsgegenstand und kleben sich z.B. Briefumschläge in ihre Ausgaben hinten rein, weil sie auch gern eine »Tasche« für ihren Kram hätten. Das ist jetzt Vergangenheit :)) Ja, die Bibel ist ein Arbeitsbuch, das sieht der Auftraggeber auch so. Die hätten es vielleicht nicht so keck formuliert, sind aber vollkommen d'accord mit der Aussage. Ich habe auf der Buchmesse die Übersetzer kennengelernt, die sind total happy mit dem Layout »ihres« Buches.

Die Auftraggeber sind übrigens die Genfer und die Deutsche Bibelgesellschaft. Letztere ist für die Lizenzen der altbekannten Luther-Bibel zuständig.

Woraus resultieren die Randbemerkungen im Buch, was erwartet den Leser?

Es gibt viele verschiedene Bibelübersetzungen. Eine der bekanntesten ist die Luther-Übersetzung. Martin Luther machte das damals, weil er meinte, die Leute sollten endlich nachlesen können, was ihnen da vom Klerus erzählt wird. Auch er sah die Bibel als Arbeitsbuch. Und da auch damals schon kaum einer Latein konnte, übersetzte er die Bibel eben ins Deutsche. Dabei hat er »dem Volk aufs Maul geschaut«. Leider sprach das Volk damals anders Deutsch als heute. Diese neue Ausgabe versucht genau das: den Urtext (also Griechisch) ins heutige Deutsch zu übersetzen. Manches kann man aber nicht so leicht eins zu eins übersetzen. Darum gibt es diese Randbemerkungen, die nochmal alternative Formulierungen vorschlagen oder Sacherklärungen dazuliefern. Ganz praktisch.

Vielen Dank!

WEITERE INFORMATIONEN